Ein Schultheater, das unter die Haut geht. Kästners „Die Schule der Diktatoren“ – inszeniert von der Theaterwerkstatt des Ratsgymnasiums Goslar – war vier Abende lang zu erleben. Was das Publikum erlebte, war kein Schulabend. Es war großes Theater.
Wenn Diktatoren austauschbar sind – und das Publikum aufsteht Die Theaterwerkstatt des Ratsgymnasiums Goslar zeigte Kästners „Die Schule der Diktatoren“ – und lieferte einen der stärksten Theaterabende der Saison
Es gibt Abende, an denen ein Theaterstück mehr sagt als tausend Kommentare zur Gegenwart. Der 12. Mai 2026 war ein solcher Abend. In der Aula des Ratsgymnasiums Goslar feierte die Theaterwerkstatt die Premiere von Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ – bei ausverkauftem Haus, atemlosem Publikum und Standing Ovations, die sich niemand verkneifen konnte und wollte. Vier Aufführungen später ist klar: Es war die Produktion der Saison.
Kästner, weltbekannt als Kinderbuchautor, ist als politischer Satiriker noch immer unterschätzt. Dabei ist „Die Schule der Diktatoren“ ein Stück von verstörender Präzision: In einem imaginären Staat werden Diktatoren wie Ersatzteile ausgewechselt, sobald sie unbequem werden. Der Personenkult bleibt, die Repression bleibt, die Maschinerie der Macht bleibt – nur die Gesichter wechseln. Was Kästner in den Jahren zwischen 1949 und 1956 schrieb, wirkt heute wie eine Diagnose, die niemand stellen wollte und die dennoch zutrifft. Das Programmheft der Produktion formuliert es treffend: Das Stück bescheinigt der Diktatur eine „chronische Aktualität“ – und man verließ die Vorstellung mit dem unbehaglichen Gefühl, dass es sich dabei nicht um Übertreibung handelt.
Was die Inszenierung von Axel Dücker aus diesem Stoff machte, war bemerkenswert. Die Komödie wurde nicht zur Klamotte, die Tragödie nicht zum Pathos. Stattdessen bewegte sich der Abend auf jenem schmalen Grat, den das Programmheft präzise benennt: zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Verfremdung und Wiedererkennen. Das Lachen blieb einem zuweilen im Hals stecken – und genau das war gewollt. Kästners Stück protestiert gegen Passivität und wirbt für Aufklärung, und diese Haltung spürte man in jeder Szene.
Die Leistungen des Ensembles verdienten besondere Erwähnung. Fünfzehn Schülerinnen und Schüler bevölkerten die Bühne, viele von ihnen in mehreren Rollen – vom Kriegsminister bis zum Hausierer, von der Leibärztin bis zur Botschafterin. Die Rollenvielfalt war dabei kein dramaturgischer Zufall, sondern Programm: Auch die Figuren hinter den Diktatoren sind austauschbar, beliebig, ersetzbar. Dass das Ensemble diese Vielschichtigkeit mit Spielfreude, Präzision und echtem Gespür für komödiantisches Timing umsetzte, ist keine Selbstverständlichkeit – und hätte an manchen professionellen Häusern durchaus Bestand.
Schulleiterin Frau Dr. Köstler-Holste fand nach dem Schlussapplaus der Premiere Worte, die dem Abend gerecht wurden. Die Rosen für Ensemble und Regie waren längst verdient – und die Ovationen des Publikums an allen vier Abenden sprachen eine Sprache, die keiner Übersetzung bedurfte.

