Lateinschülerinnen und -schüler der Jahrgangsstufe 9 besuchten das Museum August Kestner in Hannover
Was hat der Döner, der beliebteste Imbiss der Deutschen, mit Herkules, dem berühmtesten Heros der römischen Mythologie, zu tun? Auf den ersten Blick nichts. Wenn man das deutsche Leibgericht und den antiken Superhelden allerdings unter dem Gesichtspunkt der Transkulturalität betrachtet, erkennt man eine wesentliche Gemeinsamkeit: Beide sind Produkte, die ihre Identität durch Vermischung verschiedener Kulturen und Weiterentwicklung erhalten haben. Das gilt für den Döner, das aus der Türkei stammende traditionelle Tellergericht, das erstmals Anfang der 1970-er Jahre von türkischen Gastarbeitern in Berlin im Fladenbrot serviert wurde und sich zum türkisch-deutschen Fastfood-Renner entwickelte, ebenso wie für den italischen Gott der Händler, in dessen Bild Stärke und Mut des griechischen Helden Herakles einflossen und der zum Vorbild für die römischen Kaiser avancierte.
Diese Beispiele für Transkulturalität lernten die Lateinschülerinnen und -schüler der Jahrgangsstufe 9 am 21. April 2026 im Rahmen einer Exkursion zum Museum August Kestner in Hannover kennen. In Begleitung ihrer Lehrkräfte Herrn Dr. Assmann und Frau Dr. Mariß nahmen sie zunächst an einem Einführungsvortrag teil, bevor sie sich in den Räumen des Museums selbstständig auf die Suche nach weiteren Zeugnissen antiker Transkulturalität machten. Diese entdeckten sie z.B. auf einem Vasenbild, das die mythische Figur des Aeneas zeigte: Nach dem Untergang Trojas verlässt Aeneas als Flüchtling seine Heimat und sorgt, in Italien angekommen, dafür, dass sich die Frömmigkeit der eingewanderten Trojaner zur Tapferkeit der latinischen Ureinwohner gesellt. Durch die Vermischung eben dieser Eigenschaften erhielten dem Dichter Vergil zufolge die Römer ihre Identität, nämlich als von den Göttern ausersehene Eroberer der Welt.
An den intellektuell herausfordernden Programmpunkt „Transkulturalität“ schloss sich für die Schülerinnen und Schüler als praktischer Kontrast das Töpfern römischer Tonlampen an. Dabei stellten nicht wenige ihr großes handwerkliches Geschick unter Beweis, sodass sie sich angesichts der guten Ergebnisse besonders freuten, die selbst gefertigten Produkte nach Hause mitnehmen zu dürfen. Doch gab es da nicht vielleicht doch eine inhaltliche Verbindung zwischen erstem und zweitem Programmpunkt? Wenn die Tonlampen nach römischem Vorbild im heimischen Umfeld mit deutschem Bio-Lampenöl gefüllt worden wären und sich danach zu einem Produkt der europäischen Leuchtmittelindustrie entwickelt hätten, wären sie dann nicht ihrerseits ein Beispiel für Transkulturalität? Wie gut, dass diese Frage im Rahmen der Exkursion gar nicht erst aufkam: Die kundige Museumsführerin hatte nämlich eindringlich davor gewarnt, Flüssigkeiten jedweder Art in die ungebrannten Lampen zu füllen. Wir wollen hoffen, dass die Schülerinnen und Schüler diesen Hinweis befolgten. Jedenfalls konnten alle, wie sie später versicherten, auf einen uneingeschränkt lehrreichen Tag zurückblicken.
Dr. Ruth Mariß,
Fachobfrau Alte Sprachen

