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Latein, das Ratsgymnasium und die Reformation –

Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 erkunden historische Inschriften und die eigene Schule

Auch wenn sich das neoromanische Gebäude des Ratsgymnasiums aus dem Jahr 1887 architektonisch von den Fachwerkhäusern seiner Umgebung deutlich unterscheidet, passt es dennoch hervorragend an exakt diesen Ort in der Schilderstraße: als Quartier für eine Schule, die mit ihrer auch altsprachlichen Ausrichtung die geistigen Voraussetzungen für das Lesen lateinischer Inschriften schafft, die sich an zahlreichen frühneuzeitlichen Häusern in den benachbarten Straßen finden.

Zusammen mit ihrer Lehrerin Dr. Ruth Mariß begaben sich die Lateinschülerinnen und -schüler der Jahrgangsstufe 9 im November auf Erkundungstour, um diese Inschriften zu sichten, zu entziffern und zu übersetzen. Die Beschriftungen auf Schwellbalken und Torstürzen, die die Lernenden aufmerksam betrachteten und fleißig fotografierten, legten einerseits Zeugnis davon ab, dass ihre protestantischen Bauherren ihrer Zuversicht in Gott sichtbaren Ausdruck verleihen wollten, wie z.B. am Haus Jakobistraße Nr. 7: DEUS OMNIA PROVIDEBIT. QUI CREDIT, HABEBIT („Gott wird für alles sorgen. Wer glaubt, wird besitzen“); andererseits waren sie Ausdruck des Repräsentationswillens, manchmal auch des hohen Bildungsgrades der Bauherren. Von der erklärten Absicht eines Hausherrn, Gästen eine friedvolle Zeit in seinen vier Wänden zu bescheren und ihnen beim Abschied alles Gute für die Zukunft zu wünschen, konnten sich die Lernenden am Sturz des Dielentores des Hauses Schilderstraße Nr. 23 überzeugen: PAX INTRANTIBUS, SALUS EXEUNTIBUS („Friede den Eintretenden, Wohl den Hinausgehenden“).

Doch auch das Ratsgymnasium selbst hat einen lateinischen Sinnspruch zu bieten: Als Devise der Reformation findet sich im Treppenhaus des B-Gebäudes der Satz „Verbum Domini manet in aeternum“. Und so wurde den Schülerinnen und Schülern durch die historische Einordnung des Leitspruchs klar, dass sie eine Schule besuchen, die aus derselben Zeit stammt wie etliche der an den Fachwerkhäusern betrachteten Inschriften, ist das Ratsgymnasium doch weitaus älter als das Gebäude, das es beherbergt. Damit wäre dann auch der architektonische Bruch – siehe oben – sozusagen geheilt.

Die Unterrichtsziele der Exkursion, die lateinische Sprache als sichtbares und so noch immer lebendiges Zeugnis der Goslarer Baugeschichte erfahrbar zu machen und zugleich den Blick für die Historie der eigenen Schule zu schärfen, wurden auf jeden Fall erreicht. Vielleicht hat die Exkursion ja darüber hinaus Lust auf mehr gemacht: Lateinische Inschriften auch in anderen Teilen der Goslarer Altstadt aufzuspüren und zu entziffern, wäre ein möglicherweise lohnendes Projekt im Rahmen des Schuljubiläums, das das Ratsgymnasium anlässlich seines 500-jährigen Bestehens 2028 begehen wird.

Dr. Ruth Mariß, Fachobfrau Alte Sprachen